Altersmüdigkeit oder Wechseljahre?

Oder doch nur eine Nachwirkung der Corona-Zeit? Fakt ist: Ich bin aktuell nicht so belastbar. Ich bin schneller müde, ich bin auch mal lustlos und habe wenig Energie. 

 

Dieser Zustand motiviert mich, über ein Ende der Erwerbsarbeit nachzudenken. Was ich ja aktuell auch tue. Allerdings macht mich die Frage unsicher, ob die aktuelle Energielosigkeit vielleicht nur ein momentanes Phänomen ist und ich da eher durch muss, weil es in ein paar Monaten oder Jahren eh wieder besser ist. Und ich mich dann langweilen könnte. 

Mache ich vielleicht einen Fehler, wenn ich jetzt die Arbeitsbrücken hinter mir abbreche? Die Frage ist für mich allerdings nicht so dramatisch, wie für Menschen, die aus einer angestellten Karriere aussteigen. Denn ich würde für meine Freiberuflichkeit sagen, ich kann schon auch wieder zurück. Klar, in bestimmte Coachingpools komme ich dann wahrscheinlich nicht mehr rein. Aber irgendwie wieder anfangen, wird schon gehen. Das wäre aktuell etwas anders, wenn ich meine angestellte Geschäftsführerinnenposition aufgeben würde und hoffen müsste, nochmal woanders in zwei bis drei Jahren anzufangen. Da wäre ich dann Ende 50 und würde die Wahrscheinlichkeit sehr gering einschätzen, nochmals eine gut bezahlte Position zu bekommen. Umgekehrt schieben aber glaube ich, viele viele Menschen die zugegeben schwierige Entscheidung vor sich her und verschwenden damit auch viele Lebensjahre, die vielleicht entschleunigt viel lebenswerter wären. Aus der Angst, vielleicht doch noch mal arbeiten zu wollen und es dann nicht mehr zu können. Zurück zu mir. 

Ich versuche mich darin, mit Gelassenheit meiner Energie zu folgen. Auf mich zu hören, in mich zu hören und Grenzen zu respektieren. Das ist einfach geschrieben und schwer getan. 

 

In meinem bisherigen Leben war Pflichterfüllung ein hoher Wert. Ich bin stolz darauf, dass ich sehr zuverlässig bin. Wenn ich eine Arbeit zusage, werde ich sie pünktlich erledigen. Wenn ich mich zu einem Termin anmelde, bin ich da. 

 

So war das bisher. Seit ein paar Wochen erlaube ich mir, Termine auch wieder abzusagen. Vorsichtig, mit hoffentlich ausreichendem Fingerspitzengefühl. Aber eben doch abzusagen. Und oft zu erfahren, dass es gar nicht so schlimm ist, eine Verabredung nicht einzuhalten. Weil auch mein Gegenüber gerade viel zu tun hat und diese extra Pause ganz okay findet.  

 

In meiner Freiberuflichkeit arbeite ich aktuell meistens an eigenen Projekten, wie der Veröffentlichung von Büchern. Auch hier kommt es gerade zu massiven Verzögerungen, die im Selbstpublishing kein Problem sind, es gibt ja keinen Verlag, der drängelt. 

 

Wenn ich die Dinge so trödeln lassen, dann gibt es da schon eine kritische Stimme in mir, die das gar nicht gut haben kann. Im Dialog mit ihr merke ich, dass es ihr sehr, sehr schwer fällt, meine neue Lebensrealität anzunehmen. Jede emotionale Offenheit für schlechtes Gewissen wird von ihr hemmungslos genutzt. Sie ist auch offen für alle Argumente in die Richtung: Du bist grad nur Wechseljahrschlapp, da musst Du durch, das geht vorbei. Hör bloss nicht auf zu arbeiten, es wird wieder besser und dann wirst Du es bereuen. 

 

Ich weiß, dass es diese Stimme in mir gibt. Sie hat sich über viele Jahrzehnte eingenistet und ich bin ihr auch dankbar, denn über viele Jahre hat sich mich angetrieben und das war auch gut so. Ich habe viel erreicht. Dafür danke. Aber inzwischen brauche ich sie nicht mehr in diese Intensität und ich muss immer wieder daran arbeiten, um zu erkennen, dass es sich hier um eine Stimme in mir, um eine Sichtweise handelt, es aber nicht heißt, dass ich ihr folgen muss! 

 

Ich stehe an erster Stelle!

 

Zurück zur Altersmüdigkeit oder zur Schlappheit der Wechseljahre. Genau weiß ich nicht, wer mir meine Energie nimmt oder besser, wer mir zeigt, dass ich mit mir achtsam, ruhig und liebevoll umgehen darf. Das ich die wichtigste Person bin. Ich mit meiner aktuellen Energie. Ich mit der Lust, einen Spaziergang zu machen. Ich mit der neuen Angewohnheit, mir einen Mittagsschlaf zu gönnen. Auch wenn ich manchmal die ganze Zeit nur lese, weil ich gar nicht wirklich schlafmüde bin. Ich, die ich einen Termin absage, weil mir gerade nicht danach ist.

 

So viele Sätze hintereinander mit "Ich" anzufangen, erscheint mir fast frivol. Stell Dich nicht so in der Vordergrund, höre ich meine Omas rufen. Doch, tue ich. Ich darf das jetzt. Vielleicht kommt auch wieder eine Zeit, in der ich auf mein Pflichtbewusstsein zurückgreifen will. Weil ich doch noch etwas wichtiges erreichen will. Ich bin mir sicher, es wird sich wieder aktivieren lassen. Aber nicht heute. Auch noch nicht morgen. 

 

Sollte ich wieder aktiv werden, dann werde ich den Blog umbenennen müssen und ihn mit irgendwas Sabbatjahriges betiteln müssen. Wäre ja auch okay. Eine Befristung für ein Jahr fühlt sich aber gerade nicht gut an, deshalb plane ich die Beendigung der Erwerbsarbeit gerade unbefristet. Vielleicht nicht final. Das Leben ist im Fluss. 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Gudrun Behm-Steidel (Montag, 19 September 2022 12:04)

    Danke liebe Gisela für das Teilen deiner Gedanken, die ich sehr gut nachvollziehen kann.
    Ja, theoretisch wissen wir, dass es richtig ist, sich die Ruhe zu gönnen, die wir jetzt brauchen. Ich frage inzwischen weniger nach der Ursache (Wechseljahre, Corona, die Belastung durch Erkrankung von Familienangehörigen ...). Verstehen werden wir es vielleicht im Nachhinein. Aber es macht keinen Unterschied. Seien wir froh, dass wir spüren wenn der Körper uns die Grenzen aufzeigt und wir rechtzeitig drauf reagieren können.

    Was das Ende der Arbeit anbelangt, hilft mir zu erkennen, dass ich mir selbst die Freiheit geben kann zu experimentieren und auch das Sowohl-Alsauch praktizieren kann.
    Bei mir haben drei parallele private Herausforderungen dafür gesorgt, dass ich nicht so viel Zeit wie eigentlich geplant ins Coaching und Schreiben stecken konnte. Mir hat geholfen mir zu sagen, dass ich jetzt im Ruhestand in der Lebensphase Freiheit bin und ich entschieden habe dem Privaten Vorrang zu geben. Nicht weil ich es musste, sondern weil es mir wichtig war.
    Im Coaching habe ich Termine verschoben und im Blog eben weniger geschrieben. Ich mache diese Arbeit weil sie mir große Befriedigung gibt, nicht weil ich muss. Aber ich passe sie in Umfang und Intensität an, so dass sie u meiner Lebensphase Freiheit passt. Das darf "atmen" und auch wieder mehr werden, wenn ich die Energie, Zeit und Wunsch dazu habe.
    Das lasse ich auf mich zukommen.
    Jetzt bin ich froh, dass ich mich um die mir wichtigen Lieblingsmenschen kümmern konnte bzw. kann.
    Ich bin gespannt auf deine Entscheidungen!