Die Deadline Rente?

Bei dieser Überschrift muss ich schmunzeln, weil ich eigentlich über Veränderungspunkte reden will, aber im Wort Deadline auch gleich Dead - der Tod mit angesprochen wird. Um den geht es mir hier nicht. 

 

Sondern um den "Veränderungspunkt Renteneintritt" und wie sich das in der Selbständigkeit anfühlt. Es gibt ihn in der Radikalität nicht, wie er es bei Angestellten ist. Zumindest nicht bei mir. Es ist ein schleichender Prozess. Aus Abschied und Neuanfang. 

Sicherlich gibt es auch Selbständige, die ihre Praxis verkaufen und dann von einem auf den anderen Tag raus sind. Bei mir ist das nicht so. Ich gehe seit einem Jahr stückweise in Rente und meine Kunden merken es bisher nur am Rande. Denn für die Kund*innen, mit denen ich arbeite, bin ich weiterhin in voller Kraft da. Es sind einfach nur weniger Kund*innen. Tatsächlich war ich über ein Jahr lang auch sehr zurückhaltend, in meinem beruflichen Umfeld von diesem Blog zu berichten.  Ich hatte Angst davor, dass Menschen nicht mehr mit mir arbeiten wollen, weil ich darüber nachdenke, in Rente zu gehen, also die Arbeit ganz einzustellen. Das hat sich nicht bewahrheitet. Die Angst ist eher unbegründet. 

Mir helfen Deadlines!

 

Besonders um den Abschied ernst zu nehmen, brauche ich Deadlines und Begrenzungen. Ich laufe sonst Gefahr, immer wieder in alte Fahrwasser zu geraten. Der Prozess des Abschieds ist ein laufender Prozess des Nein-Sagens. Darin war ich noch nie besonders gut. 

 

Mir hilft es, mir selbst klare Grenzen zu setzen. Es gehen nur an bestimmten Tagen Coachings und nur bis zu x-Stunden. Wenn es nicht passt, passt es eben nicht. Diese Grenzen erinnern mich immer wieder, dass ich eben gerade nicht nur ein spannendes neues Projekt annehmen, sondern das ich auch über eine Grenze gehe. Dieses bewusste Dilemma hilft mir, die Entscheidung zu fällen, jedes Mal neu: Zwischen neuer Arbeit oder bewusst Zeit für Anderes.

 

Zeit für Anderes

 

Lange habe ich es nur geplant. Ratgeberbücher sind voll mit Fragen, was man dann im Ruhestand machen will und das man es bitte gut plant. Ich habe selbst Tagebücher voll geschrieben mit vielen Ideen, was ich alles machen könnte. 

Allerdings glaube ich, dass die Ratgeberbücher immer den klassischen Renteneinschnitt im Auge habe. Also diesen einen Zeitpunkt, in dem man sich von der Arbeit ganz verabschiedet und nur noch in Rente ist. Nicht mein Weg. 

 

Inzwischen habe ich angefangen, Saxophon zu lernen, ich gehe jede Woche in die Musikschule. Ich beschäftige mich intensiv mit der Bepflanzung von Balkonen und mit dem Umgang mit Wildpflanzen. Besonders die Musikschule hat sich als sehr gut erwiesen, mir andere Prioritäten zu setzen. Denn hier fragt mein Lehrer einmal die Woche, was ich geübt habe. Ich möchte meine Übungszeit nicht zugunsten von irgendwelcher Arbeit fallen lassen. 

 

Die große Deadline kommt noch

 

Wir haben auf unserem Weg in unsere neue Lebensphase eine Ortsveränderung geplant: Unseren Umzug von Berlin nach Nordhessen. Tatsächlich fühlt sich der Umzugstermin ähnlich final an, wie für andere möglicherweise der Renteneintrittstermin. Wir lassen unser gewohntes Umfeld zurück, einige Beziehungen zu Bekannten werden sich wie bei Kollegen einfach langsam auflösen und unseren Alltag werden wir in Nordhessen erstmal wieder neu sortieren müssen. Wir wissen nicht genau wie es sein wird. Ich tendiere dazu, mir möglichst viel schonmal auszumalen, Thomas dagegen lässt es mehr auf sich zukommen, da sind wir einfach unterschiedlich.  

 

Der etwas andere Plan für Selbständige

 

Mit dem Umzug werde ich auch meine Coachingräumlichkeiten hier in Berlin zurücklassen, das fühlt sich auch ein bisschen wie ein Abschied von der Arbeit an. Aktuell führe ich die ersten Verhandlungen mit Nachfolgerinnen, wer meine Räume übernimmt. Schritt für Schritt lasse ich Altes los. 

 

Schritt für Schritt scheint für mich der Weg zu sein. Immer wenn ich Abschiedsschmerz habe, frage ich mich, ob ich dieses oder jenes noch bis zum Tod machen will? Da kommt in der Regel ein klares Nein. Dann gehe ich in meiner inneren Zeitschiene runter. Annehmend, dass ich noch eine Zeit leben werde - ist ja auch nicht garantiert, aber das nur am Rande. Ich frage mich, ob ich dieses oder jenes noch bis 80, bis 70, bis 60 machen will. Oder vielleicht nur noch ein paar Monate. Oder es doch einfach nur die Angst ist, loszulassen? Was mir helfen würde, etwas loszulassen? Oft ist es bei mir nur die innere Erlaubnis, dass ich nicht mehr (so viel) arbeiten, nicht mehr (so viel) helfen muss. Manchmal ist es aber auch verbunden, mit drastischen Einschnitten, die sich nicht gleich realisieren lassen, aber die ich mir vornehmen kann und dann darauf vertraue, dass es zu einem Zeitfenster kommen wird, in dem ein Abschied gut möglich ist. 

 

Wie sich der große Abschied aus Berlin anfühlen wird, kann ich noch nicht sagen. Ich werde berichten. 

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